Archiv des Autors: Roland Wälzlein

Impuls zum Thema „Selbstzweifel – Die Angst nicht gut genug zu sein“

„Wie ist das klein, womit wir ringen, was mit uns ringt, wie ist das groß; ließen wir, ähnlicher den Dingen, uns so vom großen Sturm bezwingen, -wir würden weit und namenlos.“

Rainer Maria Rilke

Wie ist das klein, womit wir ringen – wie übermächtig erscheint es uns. Wir ringen immer mit uns selbst, vielmehr mit unserem Selbstbild. Das, geboren aus vielfältigen Erfahrungen, oft übergroße Schatten wirft.

Es beginnt alles mit einem „Blauen Baum“. Der blaue Baum ist natürlich eine Metapher, lediglich ein Symbol, und doch ist es eine wahre Begebenheit, die ich als Beispiel erzählen möchte. Vor annähernd 35 Jahren gab es im Kindergarten unserer Töchter einen fröhlichen kleinen Jungen, der selten ohne einen Stift in der Hand anzutreffen war. Seine ganze Leidenschaft war das Zeichnen und Malen. Es entstanden außergewöhnliche Bilder mit einer Klarheit der Formen, die sehr erstaunlich war. Dann kam das neue Kindergartenjahr… und mit ihm eine neue Erzieherin.

Der Junge wurde still und stiller, und es dauerte einige Zeit, bis die Tiefe der Bedeutung einer sich täglich wiederholenden Situation den Eltern und anderen Erwachsenen bewusst zu werden begann. Der Junge malte täglich einen bestimmten, an der Form klar zu erkennenden Baum, immer blau. Die Erzieherin zerriss Tag für Tag das Bild des blauen Baumes mit den Worten: „Blaue Bäume gibt es nicht.“

Mit diesen Worten transportierte sich die Aussage „Du bist falsch“. Er legte die Stifte weg und weigerte sich fortan zu zeichnen und zu malen. Die zu diesem Zeitpunkt unwiderrufliche Erfahrung von „falsch sein“ manifestierte sich und begann ihre traurige Wirkung zu entfalten. Allein beim Schreiben erinnert sich die Trauer um zerstörte Begeisterung und Begabung.

Wir alle kennen einen „Blauen Baum“… und er kann unsere Selbstzweifel bis hin zur Verzweiflung füttern.
In der ständigen inneren Wiederholung der Selbstzweifel findet eine Erstarrung statt, die sich dem Leben in seiner Vielfalt verweigert. Gefangen in der Ver-Zweifel-ung ist es nicht mehr möglich, die Wirklichkeit von der Illusion unserer Vorstellungen zu unterscheiden. In dieser Form der Selbsterniedrigung findet im Grunde eine Selbstüberhöhung statt:

Alles wird durch die Brille der Selbstzweifel gesehen und durch die innere Haltung von Misstrauen in Bezug zum Ich gesetzt. Die Welt beginnt sich in einer sehr destruktiven Form allein um die eigene Person zu drehen. Nicht um zum Glück zu gelangen – sondern um das aus zerstörender Kritik und Ablehnung entstandene Zerrbild aufrecht zu erhalten und zu bestätigen. Diese Art von Schattenboxen gegen sich selbst kostet unendliche Kraft und mündet nicht selten in eine tiefe Erschöpfung… in eine Lebensmüdigkeit.

Sich dem Leben zu überlassen, das Sich-Selbst-Kleinmachen beenden, das ständige in Bezug setzen sein lassen, wie kann das gelingen?

Es kann allein in und mit diesem Augenblick jetzt beginnen. Was auch immer mit uns geschehen ist, als das Bild des „Blauen Baumes“ zerrissen wurde, es ist nicht möglich dieses zerrissene Bild vollständig auszulöschen – aber – es ist möglich den „Blauen Baum“ erneut zu malen… Jetzt. Es braucht Mut, ja. Mut, die Brille der Selbstzweifel abzunehmen und sich auf das, was jetzt ist, einzulassen. Sich dem Leben, wie es jetzt ist, anzuvertrauen. Dieser Mut, dieses Vertrauen in den Augenblick, in das Leben, ist das, was wir zutiefst sind… jenseits der Angst… „weit und namenlos“.

Petra Wagner, im Oktober 2019

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Das Leben zulassen

Impuls zum Thema „Das Leben zulassen“ von Fernand Braun, Leitung der Kontemplationslinie Wolke des Nichtwissens am Benediktushof

„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen.“

Alfred Delp

Ein Kursteilnehmer erzählte mir von einer Begebenheit aus seinen Ferien. Er ist zwei Wochen zu Fuß durch die Wälder Finnlands gewandert. Eines Abends beschließt er, die Nacht in der Nähe eines Bachlaufes zu verbringen.

Das Lager erscheint ideal und verspricht wohltuende Erholung von der Anstrengung der Wanderung und Abkühlung von der Hitze des Tages. Nachdem er sein Zelt aufgebaut und sich hingelegt hatte, wird ihm die Vielfalt der Geräusche im Wald bewusst. Es berührt ihn tief! Nur das Plätschern des Baches – am Anfang belustigt ihn das Gurgeln des Wassers, aber dann kommt es ihm zu unruhig, zu wild vor, und schließlich ist es nur noch laut und störend, zu störend für einen verdienten, erholsamen Schlaf nach einer langen, anstrengenden Wanderung!

Er steht auf und verschiebt die Steine im Bachlauf, um das wilde Geplätscher des Wassers irgendwie zu verändern oder zumindest abzumildern. Nach vertaner Mühe packt er schließlich übermüdet und verärgert Zelt und Rucksack ein um sich ein anderes Lager zu suchen. Diese Geschichte erzählt er mir um die Unsinnigkeit und Widersprüchlichkeit seines Verhaltens zu schildern: einerseits die Schönheit und Harmonie der Natur und andererseits sein Widerwille und innerer Widerstand gegenüber dem, was ist!

Eine Grunddynamik des „Ich“ ist Ablehnung! Es ist eine mentale Gewohnheit des Egos, alles zu kommentieren und zu etikettieren: das will ich – das will ich nicht, das finde ich schön – jenes hässlich, das ist richtig – anderes falsch, usw. Es ist das ständige Bewerten und Verurteilen, das uns leiden lässt und auch viel Leid bewirkt. Dabei ziehen wir uns vom gegenwärtigen Augenblick zurück, fühlen uns getrennt und allein gelassen. Diesen inneren Kriegszustand können wir dadurch beenden, indem wir zunächst allem, was ist, unsere volle Aufmerksamkeit schenken – sowohl nach außen als auch nach innen!

Dabei kann uns bewusst werden, dass es weniger die äußeren Dinge sind, die für uns schmerzlich sind (und auch viel Leid bewirken), sondern vielmehr unser innerer Widerstand gegenüber diesen Dingen. Diesem inneren Widerstand gilt zunächst unsere ganze Aufmerksamkeit. Es ist nicht einfach, bei dem zu bleiben, was ist. Aber haben wir wirklich eine Wahl, anstatt uns zu verweigern oder zu verabschieden?
Eine offene und annehmende Haltung ist der erste und entscheidende Schritt aus diesem Dilemma.
Wir überwinden niemals etwas, indem wir uns dem widersetzt.

Der einzige Ausweg ist „der Weg durch“! – Indem wir es annehmen und uns hingeben. Wenn wir uns hingeben, überlebt das Ego es nicht! Annahme und Hingabe ist etwas, was wir nicht tun! Es ist vielmehr die Einübung in eine offene Haltung des Empfangens, das Zulassen eines Geschehens, das in jedem Augenblick stattfindet. Unser Bewusstsein ist wie ein Spiegel: nichts wird zurückgewiesen und nichts festgehalten.

Es ist grenzenlose Offenheit. Wir erfahren tiefe Verbundenheit und gleichzeitig bedingungsloses Angenommensein! Die Folge ist entspannte Gelassenheit, aus der eine warme, freundliche Haltung allem Lebendigen gegenüber erwächst.

Dies versucht Alfred Delp kurz vor seiner Hinrichtung in dem Text „Die Welt ist Gottes so voll!“ zu beschreiben. Durchleben und durchleiden wir die schönen wie die schwierigen Momente bis an den „Brunnenpunkt“, wo uns das Göttliche geradezu entgegenquillt, erkennen wir den unschätzbaren Wert des Lebens, die Vollkommenheit jeden Augenblicks – unerschöpflich in seiner Fülle. Gerade auch in den kleinen und einfachen Dingen verbirgt sich die größte Kraft, die das ganze Universum bewegt und erhält.
Es ist die Lebenskraft selbst – das, was wir „Gott“ nennen.

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