Tagebuch einer besonderen Auszeit – Benediktushof Holzkirchen

(Auszug aus dem Newsletter des Benediktushofes – Mai 2020)
Liebe Freundinnen und Freunde des Benediktushofes,es ist mittlerweile Mai geworden und am Benediktushof werden die Gärten grüner, bunter und lebendiger. Doch ob auch die Menschen, Sie, unsere Kursteilnehmer*innen und unsere Mitarbeiter*innen zum Ende des Monats wieder an den Benediktushof kommen können, ist derzeit noch ungewiss.

Was unser Spiritueller Beirat in dieser Woche erlebt hat, welche Themen Doris Zölls, Daniel Rothe und Alexander Poraj bewegt haben, lesen Sie im Folgenden. Alexander Poraj hat zudem ein Video aufgenommen, in dem er dazu einlädt, die Fülle des Lebens zu erfahren und dem Anspruch „zu wissen, wo es lang geht und was richtig ist“ keinen Raum zu geben.

Neben unseren Online-Kursen, die gut angenommen werden, bieten wir ab 5. Mai auch gemeinsames Sitzen in Stille online an. Weitere Angebote und Infos vom Benediktushof – finden Sie wie gewohnt auf unserer Webseite.

Wir wünschen Ihnen alles Gute,
Ihr Benediktushof-Team

„Neue Augen“
von Doris Zölls„Das Leiden beginnt sich aufzulösen, wenn wir fähig sind, den Glauben oder die Hoffnung, dass es irgendwo einen Ort gibt, an dem wir uns verstecken können in Frage zu stellen.“
Pema Chödrön 

Diese Worte von Pema Chödrön lesen sich sehr leicht, doch sie in den Alltag umzusetzen, bedarf einer großen Wachheit. Unser „Alltagsgeist“ ist ständig damit beschäftigt, sich vorzustellen, wie und wo es anders besser sein könnte. Unentwegt kommentiert er, was sich ändern soll. Sogar wenn es uns gut geht, ist er damit nicht zufrieden, sondern malt sich aus, wie man es noch verbessern oder es festhalten könnte. Manchmal sieht er das Glück nicht einmal mehr, sondern baut schon Ängste auf und überlegt, was zu tun ist, wenn es sich wieder zum Schlechteren wendet. Passen wir nicht auf diesen Geist auf und lassen solchen Gedanken freien Lauf, können wir nichts genießen. Diese Geistesstruktur ist so tief in uns verankert, dass wir nichts Schönes mehr wahrnehmen können, ohne dass sich der Mantel der Kritik darauflegt. Gewähren wir diesem Denken nicht Einhalt, verselbständigt es sich sogar und übernimmt die Macht. Im Alter wird es dann sehr deutlich, wie uns das Negative besetzt hält und wir ihm nicht mehr entkommen können. In Krisenzeiten ist dieser Geist  besonders aktiv, nichts passt mehr, alles soll anders sein, alle machen alles verkehrt. Diese Gedanken haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Sie sind Interpretationen, gefärbt durch die Brillen, durch die wir auf die Dinge schauen. Sie lassen uns leiden. Wer jedoch möchte das schon? Wir alle möchten glücklich sein. Pema Chödrön verweist darauf, welche Richtung wir einschlagen können, um diesem Teufelskreis des Leidens zu entkommen.

Wir sollten diesen nörgelnden Geist in die Schranken verweisen. Als erstes ist es wichtig zu erkennen, dass es eine Geistesstruktur ist und nicht die Wirklichkeit selbst. Dies bereits zaubert ein Lächeln auf unser Gesicht, denn wir haben diesen Geist als solchen entlarvt. Damit geschieht das Wunder. Die Negativität löst sich auf. Wir können wieder mit einem klareren Blick auf die Welt schauen. Jetzt ist sie nicht durchtränkt von dem, was alles nicht stimmt. Dankbarkeit und Freude werden sich in unserem Herzen breit machen und damit wird die Welt auch eine andere. Buddha wurde einst von seinen Schülern gefragt, wie man die Welt retten könnte und er meinte nur daraufhin: „Bekommt neue Augen“. Ich wünsche uns allen, dass wir diese neuen Augen entwickeln.

„Leben ist das mit der Freude und den Farben. Nicht das mit dem Ärger und dem Grau.“

Diesen Spruch schenkte mir eine Ärztin auf einer ganz bunten Karte. Ich habe sie eingerahmt, sie steht mitten in meinem Wohnzimmer und erinnert mich stets daran, zu leben.

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Jiddu Krishnamurti: Die Herausforderung sich zu ändern

Jidda Krishnamurti war ein indischer Philosoph, der keine Nationalität, keine Religion, keine soziale Klasse und keine Rasse anerkannte. Er setzte sich für Eintracht und die Abschaffung aller Arten von Grenzen ein. 1984 wurde ihm die Friedensmedaille der Vereinten Nationen verliehen. Im Alter von 90 Jahren verstarb er, aber sein Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und ist nach wie vor sehr relevant.

Sondernewsletter des spirituellen Zentrums im Eckstein in Nürnberg

„Dies ist kein temporärer Bruch in einem sonst stabilen Gleichgewicht. Die Krise, die wir durchleben, ist ein Wendepunkt in der Geschichte. … Es ist nicht bloß die Gesellschaft, die sich schwankend anfühlt. Auch die Stellung des Menschen in der Welt tut es.“

(John Gray, Philosoph, in einem Interview im New Statesman)


Liebe Freundinnen und Freunde des spirituellen zentrums,

gerne würde ich in diesen besonderen Tagen auch die Ärmel hoch krempeln und in die Hände spucken. – Oh, Gott. Halt! Habe ich das eben wirklich geschrieben: in die Hände spucken? Peinlich, peinlich. Gleich in der ersten Zeile gegen den Pandemie Knigge verstoßen. Also, alles nochmal von vorne, denn ja, ich nehme Corona ernst, sehr ernst. Aber nur allzu gerne würde ich derzeit auch mal locker in die behandschuhten Hände spucken, würde so gerne Aufbruchsstimmung verbreiten und easy in die endzeitliche Posaune blasen: Und „siehe, spricht der Herr, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5 ). Allein mir fehlt der Glaube, dass wirklich alles neu wird nach Corona.

„Aber, Herr, dann lass mich doch bitte wenigstens ein tolles Online Seminar oder ein Youtube Summit halten. Zum Beispiel darüber wie der Corona-Bewusstseins-Booster liebevolle Verbundenheit und mystische Einheitserfahrungen bis in die Köpfe der letzten neoliberalen Heuschrecke samt ihres bösen Hedgefonds Managers bläst. Die ganze Welt bekommt jetzt im Corona Fieber spirituelle Wadenwickel, wird von Kapitalismus und Egomanie geläutert, um spätestens nach Ostern geheilt aufzuerstehen.“ Das wäre mal eine Botschaft, ein gutes Evangelium.

Pardon, geht’s noch heftiger? – Offenbar nein! In Zeiten von „Tiefenkrisen“ (Matthias Horx), dem „9/11 und Pearl Harbor“ unserer Zeit (Jerome Adams bei Fox News) wird im Konzert der Medien zu Corona offenbar nur mehr gehört, wer im Superlativ die Trompete bläst. Die spirituellen Szenen sind darin nicht besser als manche Politiker und Medien, nur punktet man auf dem Markt „spiritueller“ Welterklärung weniger durch Kriegsrhetorik als durch geistige Großverheißungen, die uns über das kommende Heil nach Corona aufklären: „Ja, Corona ist schon schlimm, aber das es alles dient nur der Bewusstseinserweiterung und der allseitigen Einsicht in die gegenseitige Abhängigkeit aller fühlenden Wesen.“ – Krach bumm!  

Die Krise gebiert gerade ihre Deutungshelden und Propheten – insbesondere dann wenn „Framings“ und „Narrative“ um die rhetorische Luftherrschaft kämpfen. Wer schert sich schon um soziale (und spirituelle) Wirklichkeiten, wenn es um volle Online Seminare, Clicks und den nachcorona Buchmarkt geht. Optimismus verkauft sich einfach besser als Krise. Dabei ist Geschäftssinn noch die kleinere Ursache für die übergroßen Erklärungsmodelle. In der Krise werden vielmehr die intellektuellen Versäumnisse, Denkblockaden und falschen Weltbilder überscharf sichtbar, die auch sonst strapaziert werden, wenn geistige Welten kleinformatiert werden. Das Feld wird uns alles lehren. Wenn es nur so wäre. Hugh!