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Impuls zum Thema „Selbstzweifel – Die Angst nicht gut genug zu sein“

„Wie ist das klein, womit wir ringen, was mit uns ringt, wie ist das groß; ließen wir, ähnlicher den Dingen, uns so vom großen Sturm bezwingen, -wir würden weit und namenlos.“

Rainer Maria Rilke

Wie ist das klein, womit wir ringen – wie übermächtig erscheint es uns. Wir ringen immer mit uns selbst, vielmehr mit unserem Selbstbild. Das, geboren aus vielfältigen Erfahrungen, oft übergroße Schatten wirft.

Es beginnt alles mit einem „Blauen Baum“. Der blaue Baum ist natürlich eine Metapher, lediglich ein Symbol, und doch ist es eine wahre Begebenheit, die ich als Beispiel erzählen möchte. Vor annähernd 35 Jahren gab es im Kindergarten unserer Töchter einen fröhlichen kleinen Jungen, der selten ohne einen Stift in der Hand anzutreffen war. Seine ganze Leidenschaft war das Zeichnen und Malen. Es entstanden außergewöhnliche Bilder mit einer Klarheit der Formen, die sehr erstaunlich war. Dann kam das neue Kindergartenjahr… und mit ihm eine neue Erzieherin.

Der Junge wurde still und stiller, und es dauerte einige Zeit, bis die Tiefe der Bedeutung einer sich täglich wiederholenden Situation den Eltern und anderen Erwachsenen bewusst zu werden begann. Der Junge malte täglich einen bestimmten, an der Form klar zu erkennenden Baum, immer blau. Die Erzieherin zerriss Tag für Tag das Bild des blauen Baumes mit den Worten: „Blaue Bäume gibt es nicht.“

Mit diesen Worten transportierte sich die Aussage „Du bist falsch“. Er legte die Stifte weg und weigerte sich fortan zu zeichnen und zu malen. Die zu diesem Zeitpunkt unwiderrufliche Erfahrung von „falsch sein“ manifestierte sich und begann ihre traurige Wirkung zu entfalten. Allein beim Schreiben erinnert sich die Trauer um zerstörte Begeisterung und Begabung.

Wir alle kennen einen „Blauen Baum“… und er kann unsere Selbstzweifel bis hin zur Verzweiflung füttern.
In der ständigen inneren Wiederholung der Selbstzweifel findet eine Erstarrung statt, die sich dem Leben in seiner Vielfalt verweigert. Gefangen in der Ver-Zweifel-ung ist es nicht mehr möglich, die Wirklichkeit von der Illusion unserer Vorstellungen zu unterscheiden. In dieser Form der Selbsterniedrigung findet im Grunde eine Selbstüberhöhung statt:

Alles wird durch die Brille der Selbstzweifel gesehen und durch die innere Haltung von Misstrauen in Bezug zum Ich gesetzt. Die Welt beginnt sich in einer sehr destruktiven Form allein um die eigene Person zu drehen. Nicht um zum Glück zu gelangen – sondern um das aus zerstörender Kritik und Ablehnung entstandene Zerrbild aufrecht zu erhalten und zu bestätigen. Diese Art von Schattenboxen gegen sich selbst kostet unendliche Kraft und mündet nicht selten in eine tiefe Erschöpfung… in eine Lebensmüdigkeit.

Sich dem Leben zu überlassen, das Sich-Selbst-Kleinmachen beenden, das ständige in Bezug setzen sein lassen, wie kann das gelingen?

Es kann allein in und mit diesem Augenblick jetzt beginnen. Was auch immer mit uns geschehen ist, als das Bild des „Blauen Baumes“ zerrissen wurde, es ist nicht möglich dieses zerrissene Bild vollständig auszulöschen – aber – es ist möglich den „Blauen Baum“ erneut zu malen… Jetzt. Es braucht Mut, ja. Mut, die Brille der Selbstzweifel abzunehmen und sich auf das, was jetzt ist, einzulassen. Sich dem Leben, wie es jetzt ist, anzuvertrauen. Dieser Mut, dieses Vertrauen in den Augenblick, in das Leben, ist das, was wir zutiefst sind… jenseits der Angst… „weit und namenlos“.

Petra Wagner, im Oktober 2019

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Das Leben zulassen

Impuls zum Thema „Das Leben zulassen“ von Fernand Braun, Leitung der Kontemplationslinie Wolke des Nichtwissens am Benediktushof

„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen.“

Alfred Delp

Ein Kursteilnehmer erzählte mir von einer Begebenheit aus seinen Ferien. Er ist zwei Wochen zu Fuß durch die Wälder Finnlands gewandert. Eines Abends beschließt er, die Nacht in der Nähe eines Bachlaufes zu verbringen.

Das Lager erscheint ideal und verspricht wohltuende Erholung von der Anstrengung der Wanderung und Abkühlung von der Hitze des Tages. Nachdem er sein Zelt aufgebaut und sich hingelegt hatte, wird ihm die Vielfalt der Geräusche im Wald bewusst. Es berührt ihn tief! Nur das Plätschern des Baches – am Anfang belustigt ihn das Gurgeln des Wassers, aber dann kommt es ihm zu unruhig, zu wild vor, und schließlich ist es nur noch laut und störend, zu störend für einen verdienten, erholsamen Schlaf nach einer langen, anstrengenden Wanderung!

Er steht auf und verschiebt die Steine im Bachlauf, um das wilde Geplätscher des Wassers irgendwie zu verändern oder zumindest abzumildern. Nach vertaner Mühe packt er schließlich übermüdet und verärgert Zelt und Rucksack ein um sich ein anderes Lager zu suchen. Diese Geschichte erzählt er mir um die Unsinnigkeit und Widersprüchlichkeit seines Verhaltens zu schildern: einerseits die Schönheit und Harmonie der Natur und andererseits sein Widerwille und innerer Widerstand gegenüber dem, was ist!

Eine Grunddynamik des „Ich“ ist Ablehnung! Es ist eine mentale Gewohnheit des Egos, alles zu kommentieren und zu etikettieren: das will ich – das will ich nicht, das finde ich schön – jenes hässlich, das ist richtig – anderes falsch, usw. Es ist das ständige Bewerten und Verurteilen, das uns leiden lässt und auch viel Leid bewirkt. Dabei ziehen wir uns vom gegenwärtigen Augenblick zurück, fühlen uns getrennt und allein gelassen. Diesen inneren Kriegszustand können wir dadurch beenden, indem wir zunächst allem, was ist, unsere volle Aufmerksamkeit schenken – sowohl nach außen als auch nach innen!

Dabei kann uns bewusst werden, dass es weniger die äußeren Dinge sind, die für uns schmerzlich sind (und auch viel Leid bewirken), sondern vielmehr unser innerer Widerstand gegenüber diesen Dingen. Diesem inneren Widerstand gilt zunächst unsere ganze Aufmerksamkeit. Es ist nicht einfach, bei dem zu bleiben, was ist. Aber haben wir wirklich eine Wahl, anstatt uns zu verweigern oder zu verabschieden?
Eine offene und annehmende Haltung ist der erste und entscheidende Schritt aus diesem Dilemma.
Wir überwinden niemals etwas, indem wir uns dem widersetzt.

Der einzige Ausweg ist „der Weg durch“! – Indem wir es annehmen und uns hingeben. Wenn wir uns hingeben, überlebt das Ego es nicht! Annahme und Hingabe ist etwas, was wir nicht tun! Es ist vielmehr die Einübung in eine offene Haltung des Empfangens, das Zulassen eines Geschehens, das in jedem Augenblick stattfindet. Unser Bewusstsein ist wie ein Spiegel: nichts wird zurückgewiesen und nichts festgehalten.

Es ist grenzenlose Offenheit. Wir erfahren tiefe Verbundenheit und gleichzeitig bedingungsloses Angenommensein! Die Folge ist entspannte Gelassenheit, aus der eine warme, freundliche Haltung allem Lebendigen gegenüber erwächst.

Dies versucht Alfred Delp kurz vor seiner Hinrichtung in dem Text „Die Welt ist Gottes so voll!“ zu beschreiben. Durchleben und durchleiden wir die schönen wie die schwierigen Momente bis an den „Brunnenpunkt“, wo uns das Göttliche geradezu entgegenquillt, erkennen wir den unschätzbaren Wert des Lebens, die Vollkommenheit jeden Augenblicks – unerschöpflich in seiner Fülle. Gerade auch in den kleinen und einfachen Dingen verbirgt sich die größte Kraft, die das ganze Universum bewegt und erhält.
Es ist die Lebenskraft selbst – das, was wir „Gott“ nennen.

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Zeitlosigkeit im Jetzt

Impuls zum Thema „Zeitlosigkeit im Jetzt“ von Doris Zölls, spirituelle Leitung Benediktushof

 „Ein jegliches hat seine Zeit,
und alles Vorhaben unter dem Himmel
hat seine Stunde“

Prediger 3.1-8        
                                                     
                

„Es tut mir leid, aber ich habe gerade keine Zeit.“  „Mir fehlt dazu die Zeit.“ „Die Zeit läuft mir davon.“ 
Wie oft hören wir solche Sätze und sie alle zeugen davon: Zeit ist bei uns zu einer Mangelware geworden. Zeitdruck ist eine Krankheit, unter der heute viele zusammenbrechen. Die Anforderungen sind oft so groß, dass der Tag nicht ausreicht, ihnen gerecht zu werden. Vieles strömt auf uns ein und es ist schwer, sich von der Menge der Eindrücke nicht überschwemmen zu lassen, in ihren Strudel zu geraten und wie ein gehetztes Tier durch den Alltag zu jagen.

Wer dagegen viel Zeit für sich hat, traut sich dies kaum einzugestehen. Er könnte ja als Müßiggänger gelten. Es gehört schon fast zum guten Lebensstil, keine Zeit zu haben. Erst dadurch glaubt man, wichtig und unabkömmlich zu sein.

Es ist bestimmt richtig, dass viel auf die meisten von uns einwirkt, der Tag übervoll ist. Das ist aber auch eine gute Chance, die Fähigkeit zu entwickeln, sich begrenzen zu lernen, nicht alles mitmachen zu müssen, ohne Angst zu haben, etwas zu versäumen und dadurch nein sagen zu lernen.

Allein dies erfasst jedoch noch nicht wirklich das Problem. Es gibt viele Facetten, die unser Zeitverständnis bestimmen. Sehen wir unsere Aufgaben zum Beispiel als etwas an, das uns von unserem eigentlichen Leben trennt, was uns daran hindert, uns verwirklichen zu können? Denken wir oft den Gedanken: „Wann bin ich endlich frei?“  Diese Haltung wird über kurz oder lang dazu führen, dass wir gehemmt sind, uns auf unsere Aufgaben wirklich einzulassen und der Zeitdruck steigt in uns an.

Wäre es nicht auch möglich, die Aufgaben als Verwirklichung unseres Lebens zu verstehen?
Gehen wir mit dieser Haltung an unsere Arbeiten heran, verlieren die Anforderungen den Anschein der Fremdbestimmung. Auf einmal eröffnen sie uns die Möglichkeiten, uns zu entfalten. Der Zeitdruck sinkt.

Nichts desto trotzt sollten wir noch genauer hinsehen, was die Zeitnot ausmacht. Sie liegt vielfach in unserem Erleben von Zeit. Die Zeit ist  zwar messbar, doch im Erleben erfahren wir sie ganz unterschiedlich. Früh schon erfuhr ich, wie eine Schulstunde zur Ewigkeit werden konnte. Eine Minute erschien mir wie eine ganze Stunde. Es gab aber auch Momente, in denen eine Stunde wie eine Minute verging, ja ich jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Einmal zeigt sich die Zeit als lang – weilig und das andere Mal als sehr kurz – weilig. Schaue ich genau darauf, erkenne ich, dass ich im ersten Fall das Ende der Stunde sehnlichst erwartete, ich mich mit dem Unterrichtsstoff überhaupt nicht verbinden konnte, im anderen Fall war ich dagegen mit dem, was war, ganz eins.

Dieses Phänomen sollte uns bewusst werden. Erwarten wir etwas anderes, als das, was gerade ist, wird die Zeit unerträglich. Drängen sich nur die leisesten Gedanken vor, wie „hoffentlich kommt zu dem, was jetzt ist, nicht noch etwas hinzu“ oder „ich will dies eigentlich nicht“,  dann kann ich den Augenblick nicht wirklich leben, sondern ich fühle mich von den anstehenden Aufgaben gedrängt und mein Leben erscheint unerfüllt. Es sind unsere Gedanken, die uns die Zeit als unerträglich, als belastend oder als erfüllt erleben lassen. Unser Denken gaukelt uns vor, es gäbe etwas anderes, als das, was ist, es gäbe etwas Vergangenes oder Zukünftiges.

Doch es gibt nur das Jetzt. Alles andere ist Illusion. Auch das Denken an die Vergangenheit oder Zukunft ist selbst nur das Jetzt. Vergangenheit ist das Jetzt, Zukunft ist das Jetzt. Die wirkliche Zeit ist immer das Jetzt. Zeit ist unser Dasein JETZT in dieser Welt. Es gibt nichts was existiert, das außerhalb der Zeit ist. Alles ist Zeit. Unser Geist ist die Zeit. Der Geist von allem ist Zeit. In der Zeit sind wir mit allem verbunden.

So gilt: Wie wir das Jetzt leben, so lebt die ganze Welt das Jetzt, jeder Augenblick enthält die ganze Welt. Dieses Verständnis gibt unserem Tun und Denken eine entscheidende Bedeutung und setzt uns auch in die Verantwortung für die Welt.

So ist es wesentlich, ob wir uns auf den Augenblick einlassen können.
Erleben wir das Jetzt, erfahren wir die Zeit nicht als eine uns hetzende Dimension sondern als ein erfüllendes Dasein.
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Der Weg zur Freiheit

Impuls zum Thema „Der Weg zur Freiheit“ von Alexander Poraj, spirituelle Leitung Benediktushof

„Der Sklave will nicht frei werden. Er will Sklavenaufseher werden.“ Gabriel Laub

Zu den allerwichtigsten Zielen vieler Menschen gehört derzeit zweifellos der Wunsch, frei zu sein. Das mag richtig erscheinen, so wir uns darüber im Klaren sind, was denn die „Freiheit“ sein sollte. Bleiben wir jedoch dabei, etwas genauer hinzuspüren, was sich hinter dem Wort „Freiheit“ verbirgt, beginnen wir zu realisieren, dass sie alles andere als greifbar und festgelegt ist. Am häufigsten meinen wir mit Frei-Sein, die Möglichkeit so zu handeln, wie wir es gerade gerne möchten. Also immer mehr die Möglichkeit zu haben, den eigenen Willen verwirklichen zu können. Noch deutlicher formuliert: Frei zu sein, bedeutet schlicht und einfach, nach Lust und Laune agieren zu können.

Ist das so, bemerken wir nicht, dass damit unsere Freiheit die Abhängigkeit von Gefühlen, Impulsen, Meinungen und Konzepten darstellt. Anders formuliert: Wir können nicht anders, als diesen Gefühlen, Impulsen und Konzepten Raum zu geben, sonst ginge es uns nicht gerade berauschend gut. Damit wiederum wäre nichts Geringeres erkannt, als dass wir uns immer dann als unfrei bezeichnen müssten, wenn wir nicht das eigentliche Ziel der Freiheit erreichen würden, nämlich das Glücklichsein. Damit taucht das nächste Rätsel auf, nämlich das „Glücklich-Sein“, welches sehr eng an das der Freiheit angelehnt ist, das aber ähnlich dem der Freiheit sich einer eindeutigen Festlegung entzieht. Warum? Weil, so auch hier die gängige Erklärung, jeder der Schmied seines eigenen Glücks sei, womit wir meinen erkannt zu haben, dass das Glück individueller Natur sei. Und auch das wäre akzeptabel, wenn es uns nicht zwangläufig zum nächsten Problem führen würde, nämlich der Frage nach dem Individuum oder noch deutlicher formuliert, zu der Frage aller Fragen, die da lautet: Wer oder was ist dieses „Ich“, das unbedingt frei und glücklich sein will?

Spätestens hier sollten wir bemerkt haben, dass sich unser Geist, ähnlich wie ein Äffchen, von einem Konzept-Ast zum nächsten schwingt. Natürlich in der Überzeugung, immer festen Boden unter den Füßen zu haben. Vielleicht besteht das Erwachen unter anderem gerade darin, schlagartig zu realisieren, dass es weder Äste noch Bäume noch festen Boden an sich gibt, sondern dass alles Erscheinungen unseres Geistes sind, uns mit inbegriffen? Damit wären Freiheit und Glück und Ich auch nichts anderes als genau das, was sich jetzt, in diesem Augenblick, unser Denken darunter vorstellt. Genau das und nichts anderes.

Kann uns diese Art des Erwachens weiterbringen auf dem Weg zur Freiheit und dem Glücklich-Sein? Ja, das kann sie. Weshalb? Weil wir endlich frei wären vom Freisein-Müssen. Auch das Glücklich-Sein-Wollen würde aufhören, als Endziel all unserer Handlungen fungieren zu müssen. Dann und nur dann wäre Gegenwart. Einfach und unspektakulär. Ein Schmunzeln, der Schritt, eine Träne, diese Berührung oder der Ton. Wir wären im Vollzug des Geschehens angekommen, weil wir in Wirklichkeit niemals woanders waren und es auch nicht wirklich sein konnten. Das Fieber des Suchens wäre plötzlich weg und mit ihm die fieberhaften Vorstellungen vom Besser-Sein. Alles steht genau dort, wo es stehen sollte und ereignet sich genau so, wie es sich ereignen sollte und auch der Zeitpunkt ist genau der richtige. Haben wir etwas erreicht? Müssen wir es Konzeptualisieren? Sollen wir dem „Jetzt“ einen Namen geben? Sie können es tun, ich übrigens auch, aber lassen Sie uns bitte Kosenamen verwenden.

Es grüßt herzlich
Alexander

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Kreativität als spirituelle Praxis

Impuls zum Thema „Kreativität als spirituelle Praxis“

von Petra Wagner, Mitglied der spirituellen Leitung der Kontemplationslinie

„Das WIE ist wesentlicher als das WAS.“

Prof. (FL) Heribert Losert

Dieses Zitat meines ehemaligen Professors für Aquarelltechniken sagt in wenigen Worten, worum es in der Kreativität, aber auch in der Spiritualität und vor allem im Leben geht. Das WIE steht für die innere Haltung, die Ausrichtung des Geistes, mit der die Übung vollzogen wird. Das WAS für die Erwartung, das Wollen, das Ziel, das es scheinbar zu erreichen gilt.

Es gibt eine wunderbare Übung in der Aquarellmalerei, die diese beiden Aspekte auf sehr herausfordernde Weise sichtbar werden lassen kann. Die Blauübung, auch „Kristall“ genannt. Die meisten Waldorf-SchülerInnen kennen sie (H. Losert hat sie in den 60er Jahren, während seiner Arbeit als Dozent der Rudolph-Steiner-Schule München, entwickelt) und erlernen mit ihr eine Technik des Aquarells, die Lasur. Das Offensichtliche, Schicht um Schicht eine Farbe aufzutragen und so ein Bild entstehen zu lassen und mit dem Lasieren auch die Beschaffenheit und Reaktion der Wasserfarbe zu erfahren, dient dem Kunstunterricht. Das Wesen dieser Übung ist jedoch ein zutiefst kontemplatives.

Diese eine Lasur, diese eine Form, dieser eine Pinselstrich – Jetzt. Allein dieser eine Pinselstrich Jetzt ist die Gestaltungsmöglichkeit der Form, der Farbe und damit letztendlich des Bildes, denn die Blauübung hat kein Korrektiv. Eine Lasur, die aufgetragen ist – Ist. Die Idee, die einmal gesetzte Lasur zu korrigieren, weil sie nicht den eigenen Erwartungen entspricht, bestraft sie mit Wasserflecken oder merkwürdigen sichtbaren Dunkelheiten, Strichen oder Leerstellen. Der Versuch, das Vergangene zu ändern, scheitert immer. Es gilt, mit dem was ist, weiterzugehen. Der nächste Pinselstrich – Jetzt. Die Aufmerksamkeit genau hier bei diesem Pinselstrich, bei dieser Form, dieser Lasur und sie darf sein, wie sie genau jetzt entsteht. Jenseits des Wollens, jenseits der Vorstellung was entstehen soll. Mit dieser inneren Haltung weben sich alle scheinbaren Unebenheiten auf wundersame Weise ein und es entsteht – Lasur um Lasur – ein Bild, das immer heller werdend, eine Ahnung von Weite und Tiefe zugleich vermitteln kann.

Die Blauübung verzeiht alles und zugleich nichts. Alles, da sich Lasur um Lasur auch eine etwas andere Form oder Farbabweichung harmonisch einwebt. Nichts, da bis zum letzten Pinselstrich die Möglichkeit besteht, die Arbeit zu ruinieren.

Wie bin ich da … WIE…. nicht WAS will ich malen, machen. Kein Ziel, keine Vorstellungen, nur dieser Pinselstrich in diesem Augenblick. Die spirituelle Übung wie das Stille Sitzen oder das Gehen fördert und fordert genau diese innere Haltung. Die Kreativität ist spirituelle Übung mit der Möglichkeit, ein unbestechlicher Spiegel zu sein. Sie macht sichtbar, in dem sie Ausdruck findet. Es gibt kein Beschönigen, kein Ausweichen, keine Möglichkeit „zu tun als ob“, denn es hat Gestalt gefunden und spiegelt die innere Haltung sehr genau im Äußeren, auf dem Papier, der Leinwand, in der Materie.

Das ist der Sinn der Kreativität als spirituelle Übung, das Sichtbarwerden des Wie, ohne die Möglichkeit der Vertuschung, der Flucht. Seit annähernd 30 Jahren ist die Blauübung meine ständige Wegbegleitung und unbestechliche Meisterin. Wann immer die Hand den Pinsel greift, ist unmittelbar spürbar, wie es jetzt ist. Auch dieses Spüren lassen und ganz Pinsel, Farbe, Form und Papier sein. Ohne Wollen, ohne Vorstellung, ohne Ziel.

„Auf die Haltung allein kommt es an.
Denn nur sie allein ist von Dauer und nicht das Ziel, das nur ein Trugbild des Wanderers ist,
wenn er von Grat zu Grat fortschreitet,
als ob dem erreichten Ziel ein Sinn innewohnte.“

Antoine de Saint-Exupéry

P.S. Die Blauübung, der Kristall ist am Benediktushof im Westflügel sichtbar. Für gewöhnlich im Format 50×60 gearbeitet, hat dieses große Format auch eine Vorstellung enttarnt: die Idee des Formats. Die Kreativität kann spirituelle Lehrerin sein.

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Eckhart Tolle – Kostenfreier Onlinekurs

Zum ersten mal in deutscher Übersetzung!

Das 8-Wochen online Training mit Eckhart Tolle für die Erwachung deines Bewusstseins!

«Die wichtigste Erkenntnis, die du in deinem Leben erwerben kannst ist die Realisation deiner wahren Essenz.»

– Eckhart Tolle –

Lerne in diesem einmaligen Kurs:

Durch die profunden und dennoch simplen Lehren findest du den Weg zu innerem Frieden
Komme in der Fülle des Lebens an, anstatt in der Zukunft oder der Vergangenheit danach zu suchen.
Erkenne, was deine wahre Natur ist. Die Essenz, die sich hinter deiner Person verbirgt.

Die Abwesenheit vom Leben

Spürst du in jedem Moment die Fülle des Lebens?

Die Abwesenheit vom Leben: Das ist der übliche Zustand, in dem die meisten Menschen ihre Tage verbringen. Anstatt die Fülle des Lebens zu geniessen, verbringen sie ihre Zeit in ihrem Kopf – mit Gedanken, die sich vor allem um die Zukunft oder Vergangenheit drehen.

Mit der Zeit erzeugt dieser Zustand der Abwesenheit jedoch das Gefühl von Sinnlosigkeit im Leben!
Dauernd glauben wir auf irgendetwas hinarbeiten und etwas erreichen zu müssen. Ständig rennen wir unseren Vorstellungen von einer besseren Zukunft nach, nur um festzustellen, dass selbst die Erfüllung unserer grössten Träume unserem Leben meist nicht den erhofften Sinn spendet…

Auf Dauer ist dieser Zustand für die Menschen erschöpfend, frustrierend und leidvoll!

Dennoch haben wir es uns als Spezies angewöhnt, so zu leben… Dies ist unser momentanes Evolutionslevel.

Das Problem ist, dass wir auf dieser Stufe unserer Evolution in dieser Natur nicht mehr lange überleben werden. Als Spezies wurden wir destruktiv, zerstörerisch. Die Bewusstseinsebene, auf der wir uns heute befinden ist am Ende ihrer Nützlichkeit angekommen. Zeichen dafür gibt es unzählige und sie sind für jeden unübersehbar. Das Leben selbst überfordert uns und wir sind an einem Punkt angekommen, an dem unser Denken uns nicht mehr weiterbringt.

Hier zum Kurs

Die Schönheit des Vergänglichen

Impuls zum Thema „Die Schönheit des Vergänglichen“ von Fernand Braun spirituelle Leitung Benediktushof

„Ich habe mit Erfolg zehntausend Wege entdeckt, die zu keinem Ergebnis führen.“

Thomas Edison

Es ist ein erstaunlicher und zugleich ermutigender Satz von Thomas Edison! Wer es oft genug versucht und nicht aufgibt, wird am Ende belohnt. Sein zehntausendmaliges Scheitern führte schließlich zum Erfolg: Edison erfand die Glühbirne und veränderte mit seiner revolutionären Erfindung das alltägliche Leben des Menschen nachhaltig.

Im Falle von Edison kann man zurecht schlussfolgern: Der Weg des Scheiterns trägt den Erfolg schon in sich. Was ist es, das den Menschen antreibt, es wieder und wieder zu versuchen, ohne zu wissen, ob irgendetwas dabei herauskommt? Eine Untersuchung ergab, dass rund 90% aller neuen Ideen schlechter sind als das schon Vorhandene. Viele ziehen daraus die Schlussfolgerung, nichts Neues mehr zu wagen und sich nur noch an das Bewährte zu halten. Man könnte allerdings auch das Gegenteilige davon ableiten, es als Ansporn zu verstehen und jetzt erst recht mehr zu wagen und es immer wieder zu versuchen! Wer nichts wagt, kann nicht scheitern. Aber ist ein solches Leben, das Herausforderungen nicht annimmt, nicht schon als ein gescheitertes zu betrachten? Leben möchte sich entfalten. Es kennt keinen Stillstand, und es ist schon gar nicht rückwärtsgewandt.

Es gibt auch ein anderes Scheitern. Man kann augenscheinlich vieles richtig machen und trotzdem scheitern: Partnerschaften gehen auseinander, Karrieren zerbrechen, selbst unvermeidbare Schicksalsschläge – wie Krankheit oder der Tod von geliebten Menschen – werden trotz aller Bemühungen wie ein persönliches Versagen betrachtet. Scheitern gehört zu den Grunderfahrungen eines jeden Menschen. Keiner kann sich ihnen entziehen. Es gilt, sie nicht persönlich zu nehmen, sondern das Scheitern als „Dynamik des Lebens“ zu verstehen. Das Entscheidende ist die Haltung zu diesen Erfahrungen. „Im Scheitern zeigen sich der Charakter und die wahre Größe des Menschen“ (Willigis Jäger). Nicht das Perfekte oder Makellose, sondern so befremdlich es klingt, das Vergängliche und Fehlerhafte verdienen unsere Wertschätzung. Ein bemooster Felsen, ein verrostetes Gitter, eine knorrige, schiefgewachsene Kiefer im Gebirge oder das gebrochene Licht des Mondes und nicht der strahlende Glanz der Sonne haben ihre eigene Schönheit!

Die Betrachtungsweise des Vergänglichen, des Zerbrechlichen und scheinbar Fehlerhaften wird in einer 500 Jahre alten asiatischen Restaurationstechnik, Kintsugi genannt, angewandt. Die Scherben einer Schale werden in einer besonderen, aufwendigen Methode behutsam, glatt und geschmeidig zusammengefügt. Die Brüche werden nicht unsichtbar gemacht, im Gegenteil: Die Scherben werden mit einem Harzkleber, welcher mehrschichtig aufgetragen wird, zusammengeklebt. Bei jeder Schicht wird der Kleber mit Gold oder Silber bestäubt. Dadurch werden die Risse für alle sichtbar und auf besondere Weise hervorgehoben. Durch diese aufwendige Wiederherstellung bekommt die Schale eine besondere Bedeutung und einen unschätzbaren Wert.

Um wie vieles einfacher und leichter wäre unser Leben und auch unsere Praxis, wenn wir mit wertschätzendem, mitfühlendem Blick auf die Scherben unseres Lebens schauen würden. Warum sollten wir sie verstecken – haben doch auch sie ihre eigene Schönheit und ihren besonderen Glanz! Und indem wir unsere „gebrochene Existenz“ nicht vor den anderen verstecken, geben wir nicht auch damit den anderen die Möglichkeit, sich zu zeigen in ihrer „Soheit“?

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Die Weisheit des Körpers

Impuls zum Thema „Die Weisheit des Körpers“
von Doris Zölls, spirituelle Leitung Benediktushof

„Die Blumen im Frühling – der Mond im Herbst,
Im Sommer die kühle Brise – im Winter der Schnee!
Wenn unnütze Sachen den Geist nicht vernebeln,
ist dies des Menschen glücklichste Jahreszeit!“

Mumon

Betrachte ich die Natur, gerade jetzt im Frühjahr, bin ich zutiefst berührt von ihrer Schönheit. Doch es ist nicht nur die Schönheit, die mich bewegt. Es ist die Weisheit, die in allem zum Ausdruck kommt und mich in Staunen und Ehrfurcht versetzt. Die Bäume verwandeln ihre Kahlheit in ein lichtes Grün, die Blumen blühen auf, die Vögel singen ihre Lieder. Jedes hat seinen wundervollen Verlauf und das alles ohne unser Zutun. Es wirken Kräfte des Entstehens, des Wachsens, aber auch des Vergehens, wie nach einem Plan und doch ist dieser nie starr und so auch nicht vorhersehbar.

Alles ist miteinander verbunden, steht in einer wechselseitigen Abhängigkeit und ist so in ständiger Veränderung. Wir Menschen sind darin eingeschlossen. Unser Körper – und dazu zähle ich auch unseren Geist und unsere Psyche – hat sich über Millionen von Jahren in einer unglaublich komplexen und wunderbaren Weise entwickelt. In ihm wirken dieselben Wachstumskräfte in Übereinstimmung mit seiner Umgebung und seinen Bedingungen. Unendliche Möglichkeiten sind in uns angelegt, vieles schlummert und will geweckt werden. Manchmal sind es bedrängende Umstände, die in uns Fähigkeiten entstehen lassen. Aber in uns lebt auch ein Sehnen, über das Gegebene hinauszuwachsen und Neues zu schaffen.
Denken wir nur an die Musik, die Wissenschaften und vieles mehr. Bei allem gilt: Sind wir in uns verschlossen und klammern wir uns an das Gegebene, zeigt sich uns nichts Neues und was wir nicht üben oder regelmäßig pflegen, kann nicht gedeihen, ja verkümmert sogar.

Auch unser Körper ist wie alles kein festes Gebilde mit einem vorgegebenen Plan. Er verwandelt sich unentwegt, passt sich an oder wehrt ab. Was nicht gebraucht wird, bildet sich zurück, anderes dagegen tritt in Erscheinung und wird durch eine beständige Praxis perfektioniert. In unserem Körper wirkt eine Weisheit. Diese ist keine Macht, die wie mit Geisterhand den Körper und seine Entwicklung von außen oder auch von innen her nach einem festen Schema regelt. Die Weisheit selbst vollzieht sich im Körper.

Lauschen wir unserem Körper, lauschen wir dieser Weisheit. Diese ist nicht individuell, nur auf unseren Körper bezogen. Die Weisheit ist die wahre Natur allen Seins. Sie hat keine feste Struktur. Unentwegt ist sie im Wandel. Es fällt uns Menschen schwer, einer solchen offenen, nicht fest geschriebenen Weisheit zu folgen. Sie können wir nicht fest in Händen halten, wissen nicht, wohin sie mit uns geht. Aus Angst vor der Ungewissheit legen wir auf alles unsere Wünsche, unsere Vorstellungen und Konzepte und wollen damit der Weisheit eine feste Struktur geben. Doch damit entfernen wir uns von ihr. Die Weisheit des Körpers ist die Weisheit des ganzen Kosmos. Wie sollten wir diese fassen können? Sie ist mehr als nur ein Wissen über die Funktionen unseres Körpers. Sie umfasst das Erkennen der Zusammenhänge und Abhängigkeiten und gleichzeitig ihre unentwegte Veränderung.

Mit unserem Denken ist diese Weisheit nicht zu begreifen. Wir brauchen eine andere Ebene des Erkennens. Diese liegt in dem unmittelbaren Erleben des Augenblicks, in dem wir aller Vorstellungen und Konzepte enthoben sind. In einem Augenblick eröffnet unser Körper uns die Weisheit allen Seins. Machen wir sie zu einem Konzept, entschwindet sie uns. Sie ist immer nur in der offenen Haltung erlebbar und nicht in fest geschriebenen Wertevorstellungen.

Benediktushof – Holzkirchen

Wach sein fürs Leben

Impuls zum Thema
„Wach sein fürs Leben“
von Alexander Poraj,
spirituelle Leitung Benediktushof

„Er schliff immer an sich
und wurde am Ende stumpf,
ehe er scharf war.“
G. Ch. Lichtenberg

Wach sein fürs Leben – zu dieser Überschrift würde eigentlich ein Ausrufezeichen passen, oder?
Ist es nicht so, dass wir uns häufig selbst zurufen: „Sei doch wach!“, „Sei achtsam!“, „Übe mehr!“, „Lass dich nicht gehen!“ ?

Die Liste dieser Ausrufe ist beliebig fortsetzbar und umfasst alle Lebensbereiche, neuerdings eben auch den sogenannten „spirituellen“ Teil unseres Lebens. Also ist das normal? Nun, wenn unter „normal“ das verstanden wird, was der allgemeinen Norm, also der gelebten Gewohnheit entspricht, dann ja. Und was entspricht derzeit unserer gelebten Gewohnheit? Eine Epidemie der Selbstverbesserungskonzepte.
Schauen wir uns mal kurz diesen „Infekt“ etwas näher an.

Zunächst üben wir uns gegenseitig darin, das Leben in unterschiedlichste Phasen, Bereiche und Abschnitte einzuteilen, denen wir dann unterschiedliche Bedeutung und Ziele zuordnen. Diese wiederum werden untereinander verglichen und mit der Zeit verfügt jeder von uns über eine bewusste wie auch unbewusste Rangliste all dessen, was unbedingt getan und erlebt werden sollte. Unter die Top 10 schaffte es die Spiritualität und unter die Top 3 die Achtsamkeit.

Bedenkt man dabei, in welchem Kontext sich diese beiden Ziele noch vor wenigen Jahrzehnten befanden, nämlich strenge Formen der Frömmigkeit im Falle der Spiritualität und der erzieherisch erhobene Zeigefinger, der Achtung und Beachtung einforderte, so ist das für beide eine bewundernswerte Karriere.

Was würde aber geschehen, wenn postuliert wird, dass das Wachsein vom Leben nicht erreicht werden muss, sondern zum Leben dazu gehört, wie etwa die Wärme zum Feuer?
Was würde mit unseren Zielen und Ranglisten der Wichtigkeiten geschehen, wenn klar wird, dass in Wirklichkeit nichts Bestimmtes unbedingt erreicht werden muss, weil in der Unmittelbarkeit und Einheit allen Lebens das „Be-sondere“ durch unsere Blindheit für das Ganze eben ab-gesondert wird, indem wir der festen Meinung sind, es wäre einzeln zu haben und zwar für immer?
Was würde geschehen, wenn das Leben in sich und aus sich heraus schon Sinn und Ziel wäre, ganz gleich, welche Deutung wir mal wieder gefunden und erfunden haben?

Vermutlich würden wir uns unser tiefes Nicht-Wissen eingestehen müssen und als Folge davon würden wir aufmerksamer werden für das, was jetzt geschieht und so wie es geschieht, um es im Vollzug selber auszukosten und nicht ständig gegen ein in der Zukunft liegendes Ziel eintauschen zu wollen.
Wir würden etwas intensiver erleben und weniger deuten.
Ist das nicht schon die Wachheit?

Benediktushof Holzkirchen

Auf der Jagd nach dem Glück

Impuls zum Thema „Auf der Jagd nach Glück“von Petra Wagner,
Mitglied der Leitung der Kontemplationslinie

„Und wenn du
mit goldenen Speeren
jagst das Glück und triffst
und es liegt Dir zu Füssen
durchbohrt – “         
                                                    

Anneliese Vitense (1921 – 2000)

In der Dichte dieser wenigen Worte liegt die Wahrheit. Es ist mit ihnen im Grunde bereits alles gesagt. 
Die Jagd nach Glück kann nicht gelingen – sollte sie von scheinbarem Erfolg gekrönt sein, liegt das Glück „durchbohrt“ vor unseren Füßen. Leblos – wertlos. Und die Jagd beginnt von Neuem. Schneller immer schneller durch das Leben jagen – auf der Suche nach dem  Glück. Kaum für einen Moment erahnt, scheu wie ein Reh, entschwunden. Die Anstrengungen mindestens verdoppeln, noch schneller, noch besser, noch perfekter, noch weiter, noch höher, noch spiritueller… atemlos sein.

Ja, auch die Spiritualität lässt sich für die Jagd nach dem scheinbaren Glück missbrauchen. Die „goldenen Speere“ im Gedicht von Anneliese Vitense, sind für mich ein wunderbares Symbol für genau dies. 

Die „gewöhnlichen Speere“, wie  mehr Erfolg im Beruf, mehr Reichtum, mehr Lob und Anerkennung im privaten wie beruflichem Umfeld, mehr Freunde, mehr Liebe von anderen zu bekommen und zu haben, überhaupt von allem mehr, bis es endlich genügt (was vermutlich nie der Fall sein wird), sind stumpf geworden und werden, als unbrauchbar erkannt, weggelegt. Das Müssen und das Haben wollen jedoch nicht. Es behält nach wie vor seine Dringlichkeit und ist weiterhin eng verknüpft mit der Idee des Glücks. Allein die Farbe des Umhangs, der übergeworfen ist,  hat sich verändert. Sie scheint ein wenig heller, vielleicht leuchtender, auf jeden Fall schöner, zu sein.

Die Zeit der „Goldenen Speere“ ist angebrochen. Auch wenn das Glück nun neue Namen, wie Erleuchtung oder Einheitserfahrung, trägt, ist das Ziel nur scheinbar verändert. In der Tiefe  findet oftmals eine zusätzliche Überhöhung statt: fortwährendes Glück – endlich! Die Jagd ist noch nicht vorbei, die Methodik ist lediglich an das neu formulierte Glück angepasst und fordert einfach ein anderes „mehr“:  mehr und damit besser zu meditieren, mehr zu lieben, mehr Gelassenheit zu üben, oder auch mehr Freude am Leben haben zu müssen, was ein Widerspruch in sich ist. Wenn es nicht unmittelbar gelingt, gilt auch hier: die Anstrengungen mindestens  verdoppeln, um noch besser, noch perfekter, noch weiser, noch liebevoller, noch spiritueller (oft wie eine Vergleichsperson, wer immer das auch sein mag) zu sein… und damit noch atemloser zu werden. 

Atem und Leben sind eines. Das Leben mit all seinen Facetten wirklich leben, kann mit dem inneren Gehetztsein einer Jagd, gleich ob mit „gewöhnlichen“ oder „goldenen“ Speeren, nicht gelingen.  Die Spiritualität ist zutiefst ungeeignet, um fortwährendes Glück zu suchen, da sie vom Wesen her keine Suche ist. Sie ist das Sein im Augenblick. Das Leben leben, genau so – ohne Müssen…. ohne Haben wollen – wie es jetzt ist.

Vielleicht… vielleicht dürfen dann auch die goldenen Speere einfach nur goldene Speere sein… 


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Amrita Stille-Retreats

Amma betont immer wieder: „Meditation ist so kostbar wie Gold. Jeder Augenblick, den wir in Meditation verbringen ist kostbar.” Sie ermutigt uns, diese einfachen Worte zu verinnerlichen, um den größten Reichtum im Leben – immerwährendes Glück – erfahren zu können. Sie erinnert uns immer wieder an das wahre Ziel im Leben: Selbstverwirklichung und in der uns verbleibenden Zeit danach zu streben, dieses Ziel zu erreichen.

Ammas Lehre vom liebenden Gewahrsein in allem was wir tun, ist unsere Grundlage des Rückzugs in die Stille. Die anderen Schwerpunkte des Retreats sind Atemwahrnehmung, Sitzmeditation, Gehmeditation, einfache Yoga Sequenzen sowie einführende und unterstützende Worte. Für das leibliche Wohl wird ebenso bei Tages-Retreats wie bei den Wochenend-Retreats gesorgt.

Die Verbindung mit der uralten Weisheit fördert innere Klarheit, stärkt die Kraft des Geistes, gibt dem Leben tiefere Bedeutung und führt zu innerer Freude und innerem Frieden. Dies hilft uns, uns selbst und die Welt zu verstehen und zu lieben.

Amrita Stille-Retreats | Amma

Dankbarkeit

Impuls zum Thema „Dankbarkeit“
von Dr. Alexander Poraj, spirituelle Leitung Benediktushof

„Nicht die Glücklichen sind dankbar.
Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“

Francis Bacon

Wie oft wurden wir in unserem Leben dazu aufgefordert „dankbar“ zu sein? Wahrscheinlich sehr oft.
Unsere Eltern forderten Dankbarkeit von uns ein. Unsere Partner und die meisten Arbeitgeber ebenso. In dem Augenblick also, in dem jemand von uns Dankbarkeit einfordert, was genau geschieht dann mit uns? Normalerweise schämen wir uns. Mal mehr, mal weniger natürlich, aber die Scham ist ein Zeichen dafür, dass wir uns ertappt fühlen, etwas übersehen zu haben. Was könnte es sein?

Konventionell gedacht gibt es natürlich eine ganze Reihe von Ereignissen, für die wir nahezu ständig dankbar sein müssten, aus dem einfachen Grund, weil wir nicht in der Lage sind, das Allermeiste von dem, was wir zum Leben brauchen, allein herzustellen oder zu bewerkstelligen. Dafür aber gibt es das Zauberwort „Dankeschön“ und dieses verwenden wir nun wirklich recht häufig, auch wenn es Steigerungspotential gibt.

Dankbarkeit aber, auch wenn sie mit dem Dankeschön-Sagen verwandt zu sein scheint, möchte meiner Ansicht nach noch auf einen anderen Aspekt unseres Lebens verweisen. Welcher ist es?

Dankbarkeit ist kein „sich bedanken“. Dankbarkeit ist eine grundsätzliche Lebenshaltung. Mehr noch: Dankbarkeit ist die Art und Weise, wie wir das Leben verkörpern und das auch dann, wenn uns dabei keiner zusieht.

Also ereignet sich Dankbarkeit spürbar dann, wenn wir den Augenblick ganz verkörpern und zwar aus Lust, Interesse und Freude an ihm selbst. Damit ist schon erklärt, weswegen wir so selten dankbar sind.
Wir sind es nicht, weil uns der gegenwärtige Augenblick schlichtweg nicht passt. Mit anderen Worten: wir sind wählerisch und das in einem so hohen und unbewussten Maße, dass wir uns für den seltenen Ausnahmefall der lustvollen Verkörperung des Augenblickes „Dankbarkeit“ als ein ganz besonderes, ja anspruchsvolles Extrawort erdacht haben. Dies macht uns jedoch die ganze Angelegenheit nur noch schwerer, weil es uns – wie bereits angedeutet – mit Schuld und Scham in Verbindung bringt. Und solange das der Fall ist, verkörpern wir Ablehnung, Schutz, oder eine allgemein wahrnehmbare Dosis an körperlich-geistiger Abwesenheit.

Dankbarkeit ist also der unmittelbare Ausdruck unseres ganzen Wesens, der sich immer dann voll entfaltet, wenn wir das Leben Augenblick für Augenblick verkörpern. Wir verkörpern ihn also nicht wirklich, wenn sich genau das ereignet, was wir uns erhofft oder vorgestellt haben. Dann sind wir eher zufrieden, ja sogar selbstzufrieden, was einen besonderen Aspekt der Selbstbezogenheit zu Tage bringt und interessanterweise kaum ansteckend auf andere wirkt.

Dankbarkeit ist der lebendig-lustvolle Ausdruck des Lebens selbst. In ihm selbst lebt und erlebt sich das Leben, was zunächst mit der Erfüllung von Wünschen und Vorstellungen eben kaum etwas zu tun hat. Das ist auch der Grund, weswegen in dem Wort „graziös“ die Dankbarkeit schlummert, und zwar im unmittelbar gelebten Ausdruck.

Und warum schreibe ich es gerade jetzt im Dezember, wo Weihnachten vor der Tür steht?
Weil Weihnacht das Fest der Geburt und damit das Fest der Verkörperung, ja der Fleischwerdung des Lebens ist. An Weihnachten feiert sich das Leben selbst. Hoffentlich sind wir wenigstens an diesen Tagen dabei.

In diesem Sinne seid alle weihnachtlich gegrüßt

Euer Alexander

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