Archiv der Kategorie: Texte

Von guten Mächten wunderbar geborgen

1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

2. Noch will das alte[8] unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten[9] Seelen
das Heil, für das du[10] uns geschaffen[11] hast.

3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

5. Laß warm und hell[12] die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei[13] uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Dietrich Bonhoeffer

Werde vollkommen gewahr – Jiddu Krishnamurti

Kirshnamurti im Alter von 25 Jahren

Wenn Sie Ihrer Voreingenommenheit, Ihres Bedingtseins gewahr werden, wird sich Ihnen Ihr ganzer Bewusstseinsraum erschließen. Bewusstsein ist der Gesamtbereich, in dem sich das Denken abspielt und unsere Beziehungen ihren Bestand haben. Alle Motive, Absichten, Wünsche, Vergnügungen, Ängste, Eingebungen, Sehnsüchte, Hoffnungen, Kümmernisse, Freuden sind in diesem Raum vorhanden. Aber wir haben dieses Bewusstsein in das tätige und das schlafende eingeteilt, in die oberen und unteren Ebenen, das heißt: Alle Gedanken, Gefühle und Tätigkeiten des Tages liegen im Bereich der Oberfläche, und darunter befinden sich das sogenannte Unterbewusstsein, die Dinge, mit denen wir nicht vertraut sind, die sich gelegentlich durch gewisse Zeichen, Eingebungen und Träume ausdrücken.

Wir befassen uns im Allgemeinen nur mit einem kleinen Winkel des Bewusstseins, der den größten Teil unseres Lebens ausmacht.

Wie wir in die übrigen Schichten eindringen können, die wir das Unterbewusstsein nennen, mit all seinen Motiven, Ängsten, seinen rassischen und ererbten Eigenschaften – davon haben wir keine Ahnung. Nun frage ich Sie: Gibt es überhaupt so etwas wie das Unterbewusste? Wir gebrauchen dieses Wort ziemlich bedenkenlos. Wir haben uns damit abgefunden, dass es so etwas gibt, und die Schlagworte und Fachausdrücke der Analytiker sind in die Sprache eingesickert. Aber gibt es so etwas? Und wie kommt es, dass das Unterbewusstsein ebenso trivial und stumpfsinnig ist wie der bewusste Geist – ebenso eng, blindgläubig, voreingenommen, ängstlich und minderwertig.

Her mit dem schönen Leben

Impuls zum Thema „Her mit dem schönen Leben“
von Zenmeister Alexander Poraj

„Es gibt nur zwei Arten zu leben.
Entweder so als wäre nichts ein Wunder
oder so als wäre alles ein Wunder.“

(Albert Einstein)

Die drei häufigsten Vorsätze für 2018 lauten nach einer aktuellen Studie: Stress vermeiden/abbauen, mehr Zeit für Familie und Freunde sowie mehr Bewegung. Es ist also viel zu tun. Wenn wir diese Vorsätze in unserem Alltag umsetzen können, hoffen wir, dass das Leben besser und schöner wird.

Wir wünschen uns tolle und wunderbare Augenblicke und Ereignisse. Und zugegeben, davon gibt es durchaus einige. Gemessen an unseren Erwartungen und Hoffnungen jedoch viel zu wenige. Diese unsere Haltung ist so weit verbreitet, dass sie allgemein als völlig normal bewertet, nicht bedenkenswert erscheint und deswegen auch eins zu eins in die Zen-Praxis übernommen wird.

Das bedeutet wiederum, dass wir uns dann einer spirituellen Übung widmen mit der Erwartung, irgendwann mal in den Genuss eines Zustandes zu kommen, den wir endlich mal voll und ganz akzeptieren können, weil er unseren Erwartungen entspricht oder diese gar übertrifft. So weit so gut. Was hat das aber mit Zen zu tun? Leider nicht viel. Weshalb? Weil wir unter dem Decknamen des Zen weiterhin kein offenes Gewahrsein verkörpern, sondern lediglich die Suche nach angenehmen Momenten betreiben oder besser gesagt, diese uns sehnlichst herbeiwünschen.

Genau hier passt der Ausruf: „Her mit dem schönen Leben“, denn nicht selten verwandeln wir das Zazen in eine Art Wartezimmer auf spirituelle Erlebnisse wie Einheit oder Liebe, die wir uns natürlich entsprechend toll ausmalen und nur dann realisiert sehen, wenn unsere Gefühle in Ekstase geraten. Darunter machen wir es nicht. Darunter ist es normales Leben und eben kein „spirituelles“ Erlebnis. Schade.

Zazen ist Gegenwart. Gegenwart ist. Sie ist immer. Deswegen besteht die sogenannte Zazen-Praxis darin, Gegenwart zu verkörpern. Die Gegenwart ist in sich eins. Sie kennt keine Trennung. Alles was ist, ist, ob wir es wollen oder nicht, ob es uns gerade passt oder wir es anders möchten, spielt dabei keine Rolle. Zazen ist damit das Realisieren der Tatsache, dass dieses eine unmittelbare „Ist“ ist. Zazen ist damit die Gegenwart selbst.

Was bedeutet das für unsere Praxis? Ganz einfach und doch unserer Gewohnheit wegen schwer zu realisieren: Wenn wir Einheit erfahren möchten, dann müssen wir nicht dafür etwas tun, sondern das Gegenteil ist wahr. Wir müssen aufhören, die Gegenwart in Teilen zu denken und zu fühlen. Genauer gesagt: Wir müssen während der Übung damit aufhören, irgend etwas zu tun. Warum? Weil es immer schon ist und nicht erst durch eine Handlung wird. Deswegen ist die Zazen-Praxis die Haltung des offenen Gewahrseins: die Verkörperung der Gegenwart als Sitzen oder Gehen, Ärger oder Trauer oder was auch immer geschieht, ohne sich davon zu trennen, sich in dem Beobachter zu verstecken oder was anderes erwarten zu wollen.

Die Praxis ist der stetig stattfindende Willkommensgruß: Her mit dem schönen Leben!

www.benediktushof-holzkirchen.de

Weihnacht – Willigis Jäger

Die Feier unserer Geburt aus dem zeitlosen Seinsgrund

Als ich zum ersten Mal nach Japan kam, staunte ich über Bilder von der Jungfrauengeburt von Siddharta, Shakyamuni Buddha. Seine Mutter hält sich in graziöser Haltung am Zweig eines Sandelholzbaumes fest und der kleine Shakyamuni tritt aus ihrer rechten Seite heraus. Seine Mutter soll geträumt haben, ein Bodhisattva (eine Gottheit) gehe in ihren Leib ein. Ihr Schoß blieb unverletzt. Nach der Geburt kam ein alter Mann und weissagte, aus diesem Kind werde eine erlösende Gestalt für die Menschheit erwachsen.

Es überraschte mich dann nicht mehr, als ich in Indien die Geburtsgeschichte von Krishna las: „Das Haupt der Einsiedler ließ Devaki (die Jungfrau) zu sich rufen und sagte: Der Wille der Devas (der Gottheiten) hat sich erfüllt, du hast in der Reinheit des Herzens und in göttlicher Liebe empfangen. Jungfrau und Mutter, wir grüßen dich. Ein Sohn wird von dir geboren werden, welcher der Erlöser der Welt sein wird. Aber dein Bruder Kansa sucht dich, um dich zu töten. Die Brüder werden dich zu den Hirten führen. Dort wirst du einen göttlichen Sohn gebären, und du wirst ihn nennen: Krishna, den Gesalbten.“
 
Später las ich, dass es im ganzen Mittelmeerkulturraum Göttinnen gab, die Jungfrau und Mutter waren. Die Gottessöhne wurden immer von Jungfraumüttern geboren. Horus von Isis, Shakyamuni von Mayedevi und Jesus von Maria – auch die Geburtsgeschichte Jesu folgt also dem alten Mythos.
 
Diese Erzählungen beziehen sich nicht auf geschichtliche Tatsachen. Sie wollen uns vielmehr eine tiefere Wahrheit über uns selbst vermitteln. Es geht an Weihnachten nicht darum, die Geschichtlichkeit der Geburt Jesu zu beweisen. Wer in der Historie stecken bleibt, tötet das Lebendige der Heilsbotschaft. Meister Eckhart fragt daher: „Was hülfe es mir, wenn Jesus Christus aus Gott geboren wäre und ich nicht?“ – Jesus Christus ist der Typus, an dem ich ablesen kann, wer ich bin: Sohn, Tochter dieses Seinsgrundes, den die Christen Gott nennen.
 

DER APPELL DES DALAI LAMA AN DIE WELT

Im Grunde ist der „Der Appell des Dalai Lama an die Welt“ ein langes Interview. Im Gespräch mit dem deutschen Fernsehjournalisten Franz Alt, der mit dem Dalai Lama seit Jahrzehnten befreundet ist, entwirft das geistige Oberhaupt der Tibeter die Vision eines friedlichen Jahrhunderts. Nicht Weltreligionen würden die Antwort geben, sondern die Verwurzelung des Menschen in einer Unterschiede überwindenden Ethik, gibt sich der Dalai überzeugt.

Appell_des_Dalai_Lama_an_die_Welt