Zeitlosigkeit im Jetzt

Impuls zum Thema „Zeitlosigkeit im Jetzt“ von Doris Zölls, spirituelle Leitung Benediktushof

 „Ein jegliches hat seine Zeit,
und alles Vorhaben unter dem Himmel
hat seine Stunde“

Prediger 3.1-8        
                                                     
                

„Es tut mir leid, aber ich habe gerade keine Zeit.“  „Mir fehlt dazu die Zeit.“ „Die Zeit läuft mir davon.“ 
Wie oft hören wir solche Sätze und sie alle zeugen davon: Zeit ist bei uns zu einer Mangelware geworden. Zeitdruck ist eine Krankheit, unter der heute viele zusammenbrechen. Die Anforderungen sind oft so groß, dass der Tag nicht ausreicht, ihnen gerecht zu werden. Vieles strömt auf uns ein und es ist schwer, sich von der Menge der Eindrücke nicht überschwemmen zu lassen, in ihren Strudel zu geraten und wie ein gehetztes Tier durch den Alltag zu jagen.

Wer dagegen viel Zeit für sich hat, traut sich dies kaum einzugestehen. Er könnte ja als Müßiggänger gelten. Es gehört schon fast zum guten Lebensstil, keine Zeit zu haben. Erst dadurch glaubt man, wichtig und unabkömmlich zu sein.

Es ist bestimmt richtig, dass viel auf die meisten von uns einwirkt, der Tag übervoll ist. Das ist aber auch eine gute Chance, die Fähigkeit zu entwickeln, sich begrenzen zu lernen, nicht alles mitmachen zu müssen, ohne Angst zu haben, etwas zu versäumen und dadurch nein sagen zu lernen.

Allein dies erfasst jedoch noch nicht wirklich das Problem. Es gibt viele Facetten, die unser Zeitverständnis bestimmen. Sehen wir unsere Aufgaben zum Beispiel als etwas an, das uns von unserem eigentlichen Leben trennt, was uns daran hindert, uns verwirklichen zu können? Denken wir oft den Gedanken: „Wann bin ich endlich frei?“  Diese Haltung wird über kurz oder lang dazu führen, dass wir gehemmt sind, uns auf unsere Aufgaben wirklich einzulassen und der Zeitdruck steigt in uns an.

Wäre es nicht auch möglich, die Aufgaben als Verwirklichung unseres Lebens zu verstehen?
Gehen wir mit dieser Haltung an unsere Arbeiten heran, verlieren die Anforderungen den Anschein der Fremdbestimmung. Auf einmal eröffnen sie uns die Möglichkeiten, uns zu entfalten. Der Zeitdruck sinkt.

Nichts desto trotzt sollten wir noch genauer hinsehen, was die Zeitnot ausmacht. Sie liegt vielfach in unserem Erleben von Zeit. Die Zeit ist  zwar messbar, doch im Erleben erfahren wir sie ganz unterschiedlich. Früh schon erfuhr ich, wie eine Schulstunde zur Ewigkeit werden konnte. Eine Minute erschien mir wie eine ganze Stunde. Es gab aber auch Momente, in denen eine Stunde wie eine Minute verging, ja ich jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Einmal zeigt sich die Zeit als lang – weilig und das andere Mal als sehr kurz – weilig. Schaue ich genau darauf, erkenne ich, dass ich im ersten Fall das Ende der Stunde sehnlichst erwartete, ich mich mit dem Unterrichtsstoff überhaupt nicht verbinden konnte, im anderen Fall war ich dagegen mit dem, was war, ganz eins.

Dieses Phänomen sollte uns bewusst werden. Erwarten wir etwas anderes, als das, was gerade ist, wird die Zeit unerträglich. Drängen sich nur die leisesten Gedanken vor, wie „hoffentlich kommt zu dem, was jetzt ist, nicht noch etwas hinzu“ oder „ich will dies eigentlich nicht“,  dann kann ich den Augenblick nicht wirklich leben, sondern ich fühle mich von den anstehenden Aufgaben gedrängt und mein Leben erscheint unerfüllt. Es sind unsere Gedanken, die uns die Zeit als unerträglich, als belastend oder als erfüllt erleben lassen. Unser Denken gaukelt uns vor, es gäbe etwas anderes, als das, was ist, es gäbe etwas Vergangenes oder Zukünftiges.

Doch es gibt nur das Jetzt. Alles andere ist Illusion. Auch das Denken an die Vergangenheit oder Zukunft ist selbst nur das Jetzt. Vergangenheit ist das Jetzt, Zukunft ist das Jetzt. Die wirkliche Zeit ist immer das Jetzt. Zeit ist unser Dasein JETZT in dieser Welt. Es gibt nichts was existiert, das außerhalb der Zeit ist. Alles ist Zeit. Unser Geist ist die Zeit. Der Geist von allem ist Zeit. In der Zeit sind wir mit allem verbunden.

So gilt: Wie wir das Jetzt leben, so lebt die ganze Welt das Jetzt, jeder Augenblick enthält die ganze Welt. Dieses Verständnis gibt unserem Tun und Denken eine entscheidende Bedeutung und setzt uns auch in die Verantwortung für die Welt.

So ist es wesentlich, ob wir uns auf den Augenblick einlassen können.
Erleben wir das Jetzt, erfahren wir die Zeit nicht als eine uns hetzende Dimension sondern als ein erfüllendes Dasein.
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Der Weg zur Freiheit

Impuls zum Thema „Der Weg zur Freiheit“ von Alexander Poraj, spirituelle Leitung Benediktushof

„Der Sklave will nicht frei werden. Er will Sklavenaufseher werden.“ Gabriel Laub

Zu den allerwichtigsten Zielen vieler Menschen gehört derzeit zweifellos der Wunsch, frei zu sein. Das mag richtig erscheinen, so wir uns darüber im Klaren sind, was denn die „Freiheit“ sein sollte. Bleiben wir jedoch dabei, etwas genauer hinzuspüren, was sich hinter dem Wort „Freiheit“ verbirgt, beginnen wir zu realisieren, dass sie alles andere als greifbar und festgelegt ist. Am häufigsten meinen wir mit Frei-Sein, die Möglichkeit so zu handeln, wie wir es gerade gerne möchten. Also immer mehr die Möglichkeit zu haben, den eigenen Willen verwirklichen zu können. Noch deutlicher formuliert: Frei zu sein, bedeutet schlicht und einfach, nach Lust und Laune agieren zu können.

Ist das so, bemerken wir nicht, dass damit unsere Freiheit die Abhängigkeit von Gefühlen, Impulsen, Meinungen und Konzepten darstellt. Anders formuliert: Wir können nicht anders, als diesen Gefühlen, Impulsen und Konzepten Raum zu geben, sonst ginge es uns nicht gerade berauschend gut. Damit wiederum wäre nichts Geringeres erkannt, als dass wir uns immer dann als unfrei bezeichnen müssten, wenn wir nicht das eigentliche Ziel der Freiheit erreichen würden, nämlich das Glücklichsein. Damit taucht das nächste Rätsel auf, nämlich das „Glücklich-Sein“, welches sehr eng an das der Freiheit angelehnt ist, das aber ähnlich dem der Freiheit sich einer eindeutigen Festlegung entzieht. Warum? Weil, so auch hier die gängige Erklärung, jeder der Schmied seines eigenen Glücks sei, womit wir meinen erkannt zu haben, dass das Glück individueller Natur sei. Und auch das wäre akzeptabel, wenn es uns nicht zwangläufig zum nächsten Problem führen würde, nämlich der Frage nach dem Individuum oder noch deutlicher formuliert, zu der Frage aller Fragen, die da lautet: Wer oder was ist dieses „Ich“, das unbedingt frei und glücklich sein will?

Spätestens hier sollten wir bemerkt haben, dass sich unser Geist, ähnlich wie ein Äffchen, von einem Konzept-Ast zum nächsten schwingt. Natürlich in der Überzeugung, immer festen Boden unter den Füßen zu haben. Vielleicht besteht das Erwachen unter anderem gerade darin, schlagartig zu realisieren, dass es weder Äste noch Bäume noch festen Boden an sich gibt, sondern dass alles Erscheinungen unseres Geistes sind, uns mit inbegriffen? Damit wären Freiheit und Glück und Ich auch nichts anderes als genau das, was sich jetzt, in diesem Augenblick, unser Denken darunter vorstellt. Genau das und nichts anderes.

Kann uns diese Art des Erwachens weiterbringen auf dem Weg zur Freiheit und dem Glücklich-Sein? Ja, das kann sie. Weshalb? Weil wir endlich frei wären vom Freisein-Müssen. Auch das Glücklich-Sein-Wollen würde aufhören, als Endziel all unserer Handlungen fungieren zu müssen. Dann und nur dann wäre Gegenwart. Einfach und unspektakulär. Ein Schmunzeln, der Schritt, eine Träne, diese Berührung oder der Ton. Wir wären im Vollzug des Geschehens angekommen, weil wir in Wirklichkeit niemals woanders waren und es auch nicht wirklich sein konnten. Das Fieber des Suchens wäre plötzlich weg und mit ihm die fieberhaften Vorstellungen vom Besser-Sein. Alles steht genau dort, wo es stehen sollte und ereignet sich genau so, wie es sich ereignen sollte und auch der Zeitpunkt ist genau der richtige. Haben wir etwas erreicht? Müssen wir es Konzeptualisieren? Sollen wir dem „Jetzt“ einen Namen geben? Sie können es tun, ich übrigens auch, aber lassen Sie uns bitte Kosenamen verwenden.

Es grüßt herzlich
Alexander

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Kreativität als spirituelle Praxis

Impuls zum Thema „Kreativität als spirituelle Praxis“

von Petra Wagner, Mitglied der spirituellen Leitung der Kontemplationslinie

„Das WIE ist wesentlicher als das WAS.“

Prof. (FL) Heribert Losert

Dieses Zitat meines ehemaligen Professors für Aquarelltechniken sagt in wenigen Worten, worum es in der Kreativität, aber auch in der Spiritualität und vor allem im Leben geht. Das WIE steht für die innere Haltung, die Ausrichtung des Geistes, mit der die Übung vollzogen wird. Das WAS für die Erwartung, das Wollen, das Ziel, das es scheinbar zu erreichen gilt.

Es gibt eine wunderbare Übung in der Aquarellmalerei, die diese beiden Aspekte auf sehr herausfordernde Weise sichtbar werden lassen kann. Die Blauübung, auch „Kristall“ genannt. Die meisten Waldorf-SchülerInnen kennen sie (H. Losert hat sie in den 60er Jahren, während seiner Arbeit als Dozent der Rudolph-Steiner-Schule München, entwickelt) und erlernen mit ihr eine Technik des Aquarells, die Lasur. Das Offensichtliche, Schicht um Schicht eine Farbe aufzutragen und so ein Bild entstehen zu lassen und mit dem Lasieren auch die Beschaffenheit und Reaktion der Wasserfarbe zu erfahren, dient dem Kunstunterricht. Das Wesen dieser Übung ist jedoch ein zutiefst kontemplatives.

Diese eine Lasur, diese eine Form, dieser eine Pinselstrich – Jetzt. Allein dieser eine Pinselstrich Jetzt ist die Gestaltungsmöglichkeit der Form, der Farbe und damit letztendlich des Bildes, denn die Blauübung hat kein Korrektiv. Eine Lasur, die aufgetragen ist – Ist. Die Idee, die einmal gesetzte Lasur zu korrigieren, weil sie nicht den eigenen Erwartungen entspricht, bestraft sie mit Wasserflecken oder merkwürdigen sichtbaren Dunkelheiten, Strichen oder Leerstellen. Der Versuch, das Vergangene zu ändern, scheitert immer. Es gilt, mit dem was ist, weiterzugehen. Der nächste Pinselstrich – Jetzt. Die Aufmerksamkeit genau hier bei diesem Pinselstrich, bei dieser Form, dieser Lasur und sie darf sein, wie sie genau jetzt entsteht. Jenseits des Wollens, jenseits der Vorstellung was entstehen soll. Mit dieser inneren Haltung weben sich alle scheinbaren Unebenheiten auf wundersame Weise ein und es entsteht – Lasur um Lasur – ein Bild, das immer heller werdend, eine Ahnung von Weite und Tiefe zugleich vermitteln kann.

Die Blauübung verzeiht alles und zugleich nichts. Alles, da sich Lasur um Lasur auch eine etwas andere Form oder Farbabweichung harmonisch einwebt. Nichts, da bis zum letzten Pinselstrich die Möglichkeit besteht, die Arbeit zu ruinieren.

Wie bin ich da … WIE…. nicht WAS will ich malen, machen. Kein Ziel, keine Vorstellungen, nur dieser Pinselstrich in diesem Augenblick. Die spirituelle Übung wie das Stille Sitzen oder das Gehen fördert und fordert genau diese innere Haltung. Die Kreativität ist spirituelle Übung mit der Möglichkeit, ein unbestechlicher Spiegel zu sein. Sie macht sichtbar, in dem sie Ausdruck findet. Es gibt kein Beschönigen, kein Ausweichen, keine Möglichkeit „zu tun als ob“, denn es hat Gestalt gefunden und spiegelt die innere Haltung sehr genau im Äußeren, auf dem Papier, der Leinwand, in der Materie.

Das ist der Sinn der Kreativität als spirituelle Übung, das Sichtbarwerden des Wie, ohne die Möglichkeit der Vertuschung, der Flucht. Seit annähernd 30 Jahren ist die Blauübung meine ständige Wegbegleitung und unbestechliche Meisterin. Wann immer die Hand den Pinsel greift, ist unmittelbar spürbar, wie es jetzt ist. Auch dieses Spüren lassen und ganz Pinsel, Farbe, Form und Papier sein. Ohne Wollen, ohne Vorstellung, ohne Ziel.

„Auf die Haltung allein kommt es an.
Denn nur sie allein ist von Dauer und nicht das Ziel, das nur ein Trugbild des Wanderers ist,
wenn er von Grat zu Grat fortschreitet,
als ob dem erreichten Ziel ein Sinn innewohnte.“

Antoine de Saint-Exupéry

P.S. Die Blauübung, der Kristall ist am Benediktushof im Westflügel sichtbar. Für gewöhnlich im Format 50×60 gearbeitet, hat dieses große Format auch eine Vorstellung enttarnt: die Idee des Formats. Die Kreativität kann spirituelle Lehrerin sein.

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